Barbos-Stiftung zur kreativen Entwicklungsförderung von Kindern und Jugendlichen
Erfahrungen / Entwicklungsverläufe in der Arbeit am Tonfeld®

Peter schwimmt sich frei
Arbeit am Tonfeld® mit einem 4-jährigen Jungen

Peter* kam mit viereinhalb Jahren zu mir zur Stimmtherapie.
Er hatte Schreiknötchen (eine organische Veränderung an den Stimmlippen aufgrund falschen Stimmeinsatzes). Er konnte das „sch“ und „r“ nicht bilden und verwechselte teilweise „t“ und „k“. Im freien Spiel oder beim Malen wurden seine Bilder immer überschwemmt oder endeten im Chaos. Als Peter zu mir kam, hatte er bereits zehn Stunden bei einem Logopäden absolviert. Die Therapie wurde abgebrochen, da sie erfolglos war und Peter nicht mehr hingehen wollte.

Ich bot den Eltern die Arbeit am Tonfeld® an. Zunächst arbeitete ich ca. zwanzig Stunden mit Peter am Tonfeld, hatte zwei Elterngespräche und auf Peters Wunsch ca. zehn Stunden ohne Tonfeld im freien Spiel.
Anfänglich wurden die Gestalten im Tonfeld immer wieder mit Wasser überschwemmt, aber mit der Zeit probierte Peter am Tonfeld viel aus und erschloß sich neue Bewegungen. Ein Thema der Tonfeldarbeiten war die Enge, die er immer im Hals gespürt hatte. Am Ende dieser Phase bescheinigte der HNO-Arzt, daß die Stimmlippenknötchen sich nahezu aufgelöst hatten. Peter hatte das „r“ ohne spezielle Therapie in die Spontansprache übernommen, wie wenn sein Hals freier geworden sei und damit das „r“ möglich wurde. Sein Spiel wurde klarer und seine Gestalten wurden nicht mehr überschwemmt.

Nach vier Monaten kam Peter wieder: „Ich habe mir extra Stimmlippenknötchen gemacht, damit ich wieder zu Dir kommen kann.“ Nach den folgenden zehn Stunden bescheinigte der HNO-Arzt, daß Peters Hals und seine Ohren noch nie so gut ausgesehen hätten.

Christine Schoierer, Atem,-Stimm- und Sprachlehrerin, Arbeit am Tonfeld®
(*  Name geändert)


Samet findet seine Sprache
Arbeit am Tonfeld® mit einem 9-jährigen Grundschüler

Die Begleitung des neun Jahre alten Samet* erstreckte sich über ein Jahr. Samet ist Türke, ist in Deutschland geboren und hat noch eine 11-jährige Schwester. Seine Mutter spricht recht gut deutsch, der Vater aber kaum. Das Kind hat nach Aussagen der Mutter erst mit vier Jahren im Kindergarten deutsch gelernt. Die häusliche Situation ist schwierig, da der Vater sich kaum um die Kinder kümmert, zu Depressionen neigt und es häufig Streit zwischen den Eheleuten gibt. Samet kommt auf Anraten der Erziehungsberatungsstelle, da es in der Schule große Schwierigkeiten gibt. Er ist zur Probe in der dritten Klasse und es steht eine Sonderschulüberprüfung an, da der Junge kaum spricht und sehr schlechte Leistungen zeigt. Es stellt sich im Laufe unserer Arbeit heraus, dass Samet weder auf deutsch noch auf türkisch Sinn entnehmend lesen kann. Offensichtlich beherrscht er keine der beiden Sprachen richtig. Bei einer späteren Überprüfung, wird eine Sprachentwicklungsstörung und eine Hörverarbeitungsstörung diagnostiziert.

Über den Zeitraum von 16 Tonfeldstunden macht Samet eine erstaunliche Entwicklung vom „Ritzbild“ zur „Achterbahn“: In der ersten Stunde sitzt er, von der Mutter gebracht, schüchtern und ängstlich mit gesenktem Kopf vor dem Tonfeld, spricht kaum, antwortet leise und kaum verständlich auf Fragen. Er ritzt ein Haus in den Ton und malt darüber ein riesiges bedrohliches Flugzeug. Um das Haus malt er allerlei Sicherungsanlagen, aber auch Spielmöglichkeiten. Das einzig Plastische ist ein Fisch im Teich und ein Schneemann, der davor steht. Der Vater angelt gerne, erfahre ich später.

In den nächsten Stunden wird Samet immer munterer. Er baut Dinosaurier, findet Gold- und Silberschätze. Er gräbt geheimnisvolle Höhlen, räumt das Tonfeld aus und beginnt kräftig zu greifen. In der 15. Stunde entsteht ein großer Vulkan. Samet fängt an, von sich aus zu reden und drückt seine Sehnsucht aus, mehr Kontakt zum Vater zu haben. Beim letzten Tonfeld entsteht eine Achterbahn mit kräftigen Stützpfeilern, vielen Höhen und Tiefen. Ende und Anfang der Bahn schließt er zu einem Kreis.

Samet spricht nach dieser Zeit klarer und deutlicher, sein Wortschatz ist größer geworden. Er schaut mich beim Reden an und berichtet auch von sich aus von Erlebnissen. Er ist selbstständiger geworden und kommt alleine zu mir. In der Schule haben sich seine Leistungen verbessert, er kann nun leichte Texte lesen und verstehen. So ist er auch in die vierte Klasse versetzt worden. Aus dem schüchternen, sprachlosen Jungen ist ein eher vorlauter, munterer Viertklässler geworden, der seine Grenzen austestet. Samet hat nicht nur seine Sprache, sondern auch Freunde gefunden.

Kerstin Mattern, Heilpraktikerin, Arbeit am Tonfeld®
(* Name geändert)


Leo trifft eine Entscheidung
Arbeit mit einem 12-jährigen Gymnasiasten

Leo* kommt auf Wunsch seiner Mutter. Die Eltern sind geschieden und der Vater neu verheiratet. Leo wohnt mit seinem jüngeren Bruder bei der Mutter. Seit einiger Zeit möchte nun der Vater, dass Leo zu ihm in die neue Familie zieht, was mit einem Umzug in einen anderen Ort und dem Verlust seines sozialen Umfeldes verbunden ist. Bei den Eltern ist es darüber zu einem großen Streit gekommen. Leo geht es im Moment sehr schlecht , er weint viel, kann schlecht schlafen, hat Bauchschmerzen und möchte nicht über diese Angelegenheit reden. Am Tag, als er zur ersten Tonfeldstunde kommt, scheint es nach Aussagen der Mutter fast beschlossen, dass Leo zum Vater zieht.

Am Tonfeld ist Leo zunächst sehr schweigsam. In der ersten Stunde baut er ein Haus, in dem seine ganze Familie wohnen kann. Er berichtet von sich aus von seiner Situation und seinem "Hin- und Her-Gerissen-Sein". In der nächsten Stunde baut er eine große Festung, die belagert wird. So fühlt er sich von den Eltern belagert, meint er am Ende. Er hat das Gefühl, den Streit der Eltern schlichten zu müssen. Beim Spiel im Tonfeld trickst er die Eltern aus, indem er sich Versorgungsmöglichkeiten schafft und die Belagerer verhungern müssen. In der dritten Stunde berichtet er, er habe beschlossen, bei der Mutter und so auch bei seinem Bruder, seinen Freunden und in seiner Klasse zu bleiben. Es entstehen rechts und links zwei unterschiedliche Städte, die im Streit sind. Für sich baut er einen gesicherten Platz.

Nach einem Urlaub mit dem Vater, bei dem er sich nicht hat umstimmen lassen, gestaltet er im Tonfeld sein Zimmer neu mit vielen Möglichkeiten. Es darf nur jemand herein kommen, wenn er es erlaube.
Nach diesen vier Stunden geht es  Leo besser, weil er sich für seine vertrauten Lebensverhältnisse entschieden hat. Er schließt nicht aus, eines Tages doch zum Vater zu gehen, aber dann will er den Zeitpunkt bestimmen. Mit dem Streit der Eltern möchte er nichts zu tun haben.

Kerstin Mattern, Heilpraktikerin, Arbeit am Tonfeld®
(* Name geändert)


Arbeit am Tonfeld® bei einem Jugendlichen mit ADHS

C., 14 Jahre alt, kam zu mir, weil er erhebliche Probleme hatte, sich sozial einzugliedern, so daß eine Beschulung innerhalb der Klasse trotz vieler Versuche, ihn zu fördern, nur stundenweise möglich war. Er zeigte ein deutliches Potential an Gewaltbereitschaft, empfand keinerlei Empathie gegenüber anderen, hatte große Konzentrationsschwierigkeiten sowie ein überdurchschnittliches Problem mit Hyperaktivität (starke Störung im Bereich ADHS), was von einem Test der Kinder- und Jugendpsychiatrie bestätigt wurde. Ich wurde von C.'s Schule aufgefordert, mit ihm am Tonfeld zu arbeiten.
Bei unserer ersten Begegnung zeigte C. Unsicherheiten in der Wahrnehmung. Er hatte Orientierungsprobleme bezüglich räumlicher, zeitlicher und beziehungsmäßiger Grenzen und Strukturen. Seine Unsicherheit im Umgang mit Emotionen machte ihn zusätzlich unsicher. Darauf antwortete er mit unkontrolliert aggressivem Verhalten.
Es war also geboten, ihm Mittel an die Hand zugeben, mit seinen Aggressionen umgehen zu lernen. Dazu bot sich die Tonerde geradezu an, weil sie formbar ist und Druck ausgesetzt werden kann, ohne Selbst- oder Fremdverletzungen hervorzurufen.
Zur Vorbereitung der Arbeit am Tonfeld gab ich Regeln und Strukturen vor, die eine Art von Ritualisierung und Verläßlichkeit des Rahmens, in dem wir arbeiteten, boten. Dadurch gelang es C. bald, innerhalb der Grenzen des Tonfeldes im Material seine Probleme zu gestalten und für ihn sichtbar zu machen.
Beispielsweise war es für ihn am Anfang einer jeden Arbeit wichtig, seinen inneren Aggressionsdruck durch Schlagen, Zerquetschen der Tonerde etc. auszudrücken. Erst danach konnte er ins konstruktive, gestalterische Tun kommen, was immer sicherer und differenzierter wurde. Auch zeigte sich bei ihm zunehmend eine Veränderung in der Wahrnehmung. Die anfängliche sensomotorische und gestalterische Unsicherheit machte einer gezielten, sehr sensiblen Gestaltungsfreude und der Konzentration und Klarheit im Gestalten Platz.
Schon nach wenigen Tonfeldstunden veränderte sich seine Konzentrationsfähigkeit und sein Umgang mit seiner Umgebung. Er konnte besser Grenzen einhalten, sich konzentrieren und sich ohne Gewalt einbringen. Nach Beendigung der gemeinsamen Arbeit nach 13 Stunden konnte er schließlich sogar problemlos ein Praktikum in einem Betrieb machen.

Kerstin Knappe, Lehrerin an einer Förderschule, Arbeit am Tonfeld®